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Seeräuberei hat es zu allen Zeiten
und in allen Weltgegenden gegeben.
Schon die Griechen und Römer hatten
darunter zu leiden und später waren
auch die Wikinger für ihre Raubzüge
gefürchtet. In der Karibik nannten
sich die Piraten selbst Bukaniere,
im Mittelmeer hießen sie Korsaren
und Barbaresken und in unseren
Breiten gaben sie sich den Namen
Liekedeeler. Wir denken dabei an
Klaus Störtebeker und seinen Kumpan
Godeke Michels. Berüchtigt waren
aber zu allen Zeiten auch die
chinesischen Seeräuber.
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Edward Teach
(alias Blackbeard) |
Am bekanntesten waren wohl die
Piraten-Kapitäne in Westindien, wie
Henry Morgan, Edward Teach (alias
Blackbeard), Bartholomew Roberts,
John Rackam (alias Calico Jack),
Kidd und Lollonois. Ihre
Mannschaften stammten vor allem aus
Frankreich und England, viele aber
auch aus anderen Ländern, und
darunter waren häufig Farbige. Sie
alle waren zuvor meist Seeleute von
Beruf gewesen, im Durchschnitt waren
sie 25 – 30 Jahre alt und
unverheiratet. Unter den Piraten
taten sich sogar einige Frauen
hervor, wie Mary Read und Anne Bonny.
Die Kapitäne wurden von der
Besatzung gewählt, konnten aber auch
abgesetzt werden. Neben Mut und
Entschlossenheit im Kampf wurden
seemännische und navigatorische
Kenntnisse verlangt. Vor allem
mussten sie aber eine starke
Persönlichkeit aufweisen, um ihren
wilden und oft aufsässigen Haufen
zusammen zu halten. Die Seefahrt
erforderte nämlich auch von
Seeräubern ein gewisses Maß an
Disziplin bei der Besetzung des
Ausgucks, bei notwendigen
Segelmanövern, zum Ankerlichten, bei
Lotungen usw. Die
Piratengemeinschaften befolgten im
Übrigen eine Art von demokratischen
Spielregeln, was die Verteilung der
Beute, eine Entschädigung für
Verwundungen und die Abstimmung über
künftigen Reiseziele anging.
Die „romantische“ Seite der
Seeräuberei wird neuerdings filmisch
u. a. im „Fluch der Karibik“ mit
großem Erfolg dargestellt und findet
ein begeistertes Publikum.
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Wir wollen uns nun aber der
Seeräuberei in unseren Tagen
zuwenden. In jüngerer Zeit hat die
Seeräuberei wieder deutlich
zugenommen, wobei es bestimmte
regionale Schwerpunkte und
Ausprägungen gibt. Besonders
gefährlich sind die Gewässer
Indonesiens, das südchinesische
Meer, die Küste Nigerias, die
somalischen Gewässer am Horn von
Afrika und teilweise auch die
südamerikanische Küste.
Einen besonderen Schwerpunkt bildet
dabei die Malakka-Straße, eine rd.
800 km lange Meerenge zwischen
Indonesien und Malaysia. Sie
verbindet den persischen Golf und
den indischen Ozean mit dem
südchinesischen Meer und dem
Pazifik. Das Nadelöhr wird jährlich
von rd. 50.000 Frachtern befahren,
die dabei rd. ein Drittel des
Welthandels und rd. die Hälfte des
weltweit gehandelten Erdöls
befördern.
Die weltweite Zahl der
Piraten-Attacken hat sich in den
90er Jahren verdreifacht. Für das
gesamte Jahr 2004 kam es zu 329
Überfällen, bei denen 30 Seeleute
getötet wurden. Im Vorjahr waren es
sogar 445 Überfälle aber mit „nur“
21 Opfern. 2005 ging die Zahl der
Überfälle weiter zurück auf 276 –
vielleicht wegen der Folgen des
Tsunamis, der so manche Boote
zerstört hat –. Dagegen sind aber
die Fälle, in denen Piraten auch zu
Kidnappern wurden, deutlich
angestiegen. Mindestens 440
Besatzungsmitglieder brachten die
Seeräuber in ihre Gewalt, so viele
wie noch nie seit Beginn der
Statistik im Jahre 1992. Selbst wenn
das Lösegeld gezahlt wird, müssen
die Opfer damit rechnen, in einem
offenen Boot auf hoher See
ausgesetzt zu werden oder sogar den
Tod zu erleiden. So wurden auf einem
Schiff 4 Besatzungsmitglieder
erschossen, weil der Reeder die
Lösegeldforderung drücken wollte. Im
Jahre 2000 gab es besonders viele,
nämlich 469 Angriffsversuche von
Piraten. Dabei lag die Dunkelziffer
sicher wesentlich höher, denn viele
kleinere Attacken wurden wegen des
Zeitverlustes durch den sonst
nachfolgenden Papierkrieg gar nicht
erst gemeldet. 72 Seeleute wurden
umgebracht und man schätzte den
Schaden durch die Seeräuberei auf
immerhin über rd. 3 Millarden $.
Mitte 2004 haben die Anrainerstaaten
und Singapur mit gemeinsamen
Seepatrouillen begonnen. Sie dürfen
allerdings nicht in fremde
Hoheitsgebiete einlaufen, um Piraten
zu verfolgen. Dabei spielen sich
über 80 % aller Schiffsüberfälle in
Küstengewässern, an Ankerplätzen
oder sogar in Häfen ab. In den
meisten Fällen bleiben also die
militärischen Maßnahmen wirkungslos.
Im Grunde kann man heute drei
Arten von Piraten unterscheiden:
Für alle gilt, dass sie nicht mehr
wie auf alten Bildern mit
Augenklappe, Holzbein und
Hakenersatz für eine Hand nebst
Papagei auftreten, sondern sie sehen
eher wie gewöhnliche Seeleute und
Fischer aus oder tragen sogar
Uniformen. .
1. Hier ist zunächst die arme
Küstenbevölkerung zu erwähnen. Sie
besteht vor allem aus Fischern, die
auf kleinen Booten und nur mit
Messern bewaffnet versuchen, aus
ihrer Sicht vermeintlich „reiche“
Handelsschiffe zu entern und
auszurauben. Die Räuber entwenden
dabei außer Geld auch Bekleidung,
Lebensmittel, Farbeimer und
Schiffstaue. Die können sie nämlich
„aufdröseln“ und daraus Netze
flechten. Wer sich zur Wehr setzt,
spielt mit seinem Leben.
2. Gefährlicher ist die zweite
Gruppe, deren Angehörige über
Schnellboote verfügen und mit
Maschinenpistolen und selbst
tragbaren Granat- und sogar
Raketenwerfern ausgerüstet sind. Sie
nähern sich vor allem nachts den
Schiffen im Stil militärischer
Kommandoeinheiten, werfen Enterhaken
und hangeln sich wie Artisten selbst
bei einem Tempo der überfallenen
Schiffe von 35 km/h an Seilen die
glatten Bordwände hoch. Sie bedrohen
das Leben der Besatzung, fordern die
Herausgabe des Bargelds aus der
Schiffskasse und halten nach
wertvollerer Beute, wie
Unterhaltungselektronik aus Japan,
Kameras, aber auch Fahrrädern aus
China und Babynahrung aus den USA
Ausschau, kurz nach allem, was sich
leicht an Land verscherbeln lässt.
Seit einiger Zeit wird zusätzlich
für die Freilassung der Besatzung,
besonders der Schiffsoffiziere,
Lösegeld gefordert. So verbinden
sich moderne Technik mit
mittelalterlicher Gewalt und ein
Pirat kann dabei leicht 20.000 $ pro
Einsatz „verdienen.“
3. Ausgesprochen bösartig,
wenngleich (noch) nicht so häufig
anzutreffen, sind im Rahmen weit
gespannter krimineller
Organisationen bandenmäßig
operierende Piraten, die Schiffe
„auf Bestellung“ kapern. Sie halten
sich Hintermänner, die in den Häfen
die Ladepläne und Fahrtrouten von
Handelsschiffen erkunden. So drangen
selbst bei uns in Hamburg
professionelle Einbrecher nachts in
ein Reedereibüro ein. Sie wollten
weder Geld noch Computer stehlen,
sondern waren nur an Informationen
über die Schiffe interessiert. Kein
Wunder, das die Piraten dann unter
hunderten von Containern mit
erstaunlicher Sicherheit diejenigen
mit dem wertvollsten Frachtgut
herausfinden. Sie betreiben
sozusagen Ladungsraub auf Nachfrage.
Zum richtigen Zeitpunkt und am
richtigen Ort entern für die „grobe
Arbeit“ angeheuerte Männer das
Schiff und übernehmen Teile der
Ladung oder sogar das ganze Schiff.
Um in diesem Fall Zeugen zum
Schweigen zu bringen, wird die
Besatzung oft ausgesetzt oder im
schlimmsten Fall ermordet. Das
Schiff wird „umgetauft“, die
Schornsteinmarke der Reederei
übermalt und eine andere
Nationalflagge gesetzt. Das Schiff
wird dann zu einem vorher
vereinbarten entfernten Hafen
verbracht und dort die Ladung – in
einem Fall Zucker im Wert von 5 Mio
USD, in einem anderen 3000 t
Dieselöl – durch den „kaufmännischen
Zweig“ der Organisation verwertet.
Das Schiff fährt dann mit
gefälschten Papieren für die Bande
weiter oder wird ebenfalls günstig
abgestoßen. So kam es 2005 zu 23
Schiffsentführungen. Das Geschäft
ist recht lukrativ, denn es kann
viel hunderttausend bis zu etlichen
Millionen $ einbringen.
Bedauerlicherweise bestehen oft gute
Verbindungen zu den lokalen
Behörden, von denen die Piraten in
etlichen Häfen und vor vielen Küsten
offensichtlich geduldet werden. So
rief ein Kapitän, der sich in seiner
Kabine verschanzt hatte, die
Behörden so lange vergeblich mit
seinem Handfunkgerät um Hilfe an,
bis dessen Batterie leer war
4, Einen Sonderfall bilden
Rauschgiftschmuggler, die in der
Karibik Segelyachten überfallen um
auf ihnen – mit oder auch ohne die
dann getötete Besatzung – ihre Ware
unbemerkt an die Küsten bringen zu
können.
Eine schöne Erfahrung zeichnete sich
bei der Seeräuberei in der
Malakka-Straße ab. Der Tsunami
brachte nämlich am 26. Dezember 2004
die Fischerei zum Erliegen und
vernichtete dabei auch die Boote der
örtlichen Piraten, so dass volle
sechs Wochen lang kein Überfall mehr
stattfand. Danach ging die Räuberei
allerdings wieder verstärkt los,
vielleicht weil man aus unseren
inzwischen eingetroffenen Spenden
neue Boote und Waffen kaufen und
neue Nachwuchs-Piraten rekrutieren
konnte?
Handelsschiffe, die durch die
besonders gefährdete Malakkastraße
fahren müssen, versuchen sich mit
den verschiedensten Maßnahmen gegen
Überfälle zu schützen:
1. Sie durchfahren die Zone
möglichst schnell,
2. lassen sich von den
Satelliten-Ortungssystemen „Seajack
Alarm“ oder „ShipLoc“ überwachen,
3. bewehren die Reling zum Schutz
mit (NATO-) Stacheldraht oder einem
9.000-Volt-Hochspannungszaun „Secure-Ship“,
4. stellen Scheinwerfer auf, um
Angreifer frühzeitig zu erkennen und
zu blenden, die kleinen Boote werden
nämlich vom Radar nicht erfasst,
5. halten ihre Feuerlöschschläuche
mit möglichst heißem Wasser zur
Abwehr von Enterern in Bereitschaft
6. und können neuerdings eine
„Lärmkanone“ LRAD (= Long Range
Acoustic Device) einsetzen, die
imstande ist, durch einen
zielgerichteten, extrem lauten Krach
die Piraten außer Gefecht zu setzen
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Long Range Acoustic
Device im Einsatz bei
der U.S. Navy |
Oft melden Kapitäne die Überfälle
allerdings erst dann, wenn sie
wieder auf hoher See sind. Sie
wollen auf diese Weise vermeiden,
dass ihr Schiff tagelang von den
Behörden festgehalten wird, wodurch
hohe Kosten entstehen. Die
Verfolgung der Täter wird dadurch
aber zusätzlich verzögert.
Kapitän Schieder vom Gesamtverband
der Deutschen
Versicherungswirtschaft hat einmal
ausgeführt, dass keines der neuen
Systeme einen Piratenüberfall
verhindern könne. Als beste
Versicherung gegen Überfälle nannte
er: „Ein möglichst großes Schiff,
mit möglichst hohen Bordwänden, gute
Beleuchtung an Deck, mit voller
Kraft fahren und ….. beten“.
Das Internationale Schifffahrtsbüro
(IMB International Maritime Bureau)
eine Einrichtung der Internationalen
Handelskammer in London, unterhält
ein Anti-Piraten-Zentrum in Kuala
Lumpur und berichtet regelmäßig über
„Piracy and armed Robbery against
Ships“. Die Sicherheitsauflagen für
Schiffe und Häfen (ISPS
International Ship and Port Facility
Security-Code) wurden weltweit
drastisch verschärft.
Von der IAO, der Arbeitsorganisation
der UN, wurde die Einführung von
Ausweisen mit biometrischen Daten
für die rd. 1,2 Mio Seeleute der
Handelsschifffahrt beschlossen, um
das Einschleusen von Piraten und
Terroristen zu erschweren.
Sicherheitsexperten halten die
Übergänge zwischen Piraterie und
Terrorismus nämlich für fließend.
„Wenn man Leute in Kampfuniformen
mit Granatwerfern auf sich zukommen
sieht, wer will denn da noch
unterscheiden, ob es Terroristen
oder „nur“ Piraten sind?“ Vorfälle
aus jüngster Zeit belegen, dass sich
die Seeräuber sogar mit
Kriegsschiffen anlegen. Am
21.01.2006 wurde der 5. US-Flotte
vom IMB in Kuala Lumpur ein
vermutetes Piratenschiff gemeldet,
das sich 54 Meilen von der Küste von
Somalia entfernt aufhalten sollte.
Der Lenkwaffenzerstörer USS „Winston
S. Churchill“ machte das Schiff
ausfindig, das zwei kleinere Boote
im Schlepp mitführte. Sie sahen dem
Boot sehr ähnlich, das beim Überfall
auf die „Seabourn Spirit“ verwendet
und von einem Passagier fotografiert
worden war. Auf den Anruf über Funk
bekam der Zerstörer keine Antwort
und das Piratenschiff setzte seine
Fahrt unvermindert fort. Erst als
Warnschüsse abgefeuert wurden,
antwortete das Schiff, stoppte und
schickte Mitglieder seiner Besatzung
mit den kleineren Booten zum
Zerstörer hinüber. Die Amerikaner
enterten dann das verdächtige Schiff
und stellten fest, dass sich an Bord
Feuerwaffen befanden. Zuerst hieß
es, die 10 festgenommenen Piraten
würden in das US-Spezialgefängnis
nach Guantanamo gebracht. Das blieb
ihnen aber erspart, sie stehen jetzt
nämlich in Mombasa vor Gericht.
Ein Verband amerikanischen
Marineeinheiten, der
Lenkwaffenkreuzer „Cape St. George“
und der Lenkwaffenzerstörer
„Gonzales“ gehörten zu eine
internationalen Einsatzgruppe unter
niederländischem Kommando, die für
die Sicherheit in den
piratenverseuchten Gewässern am Horn
von Afrika sorgen soll. Im März
dieses Jahres wollten sie sich einem
verdächtigen Boot zu einer
Routinekontrolle nähern. Die Piraten
eröffneten sofort das Feuer, aber
die Gegenreaktion erfolgte prompt.
Der Beschuss erforderte ein
Todesopfer und fünf Verletzte. Alle
zwölf Überlebenden wurden
festgenommen und ein Raketenwerfer
sowie mehrere Schnellfeuerwaffen
sichergestellt.
Aber das sind nur punktuelle
Erfolge. Vor kurzem haben Piraten in
der Malakkastraße zwei Schiffe
angegriffen, die von der UNO
gechartert waren, um Hilfsgüter in
die indonesische Provinz Aceh zu
bringen, die von dem verheerenden
Tsunami zerstört worden war. Die
Piraten stahlen Geld und Vorräte des
UN-Welt-Ernährungsprogramms, die für
ihre betroffenen Landsleute bestimmt
waren.
So geht nun weiter die Angst um
unter den Seeleuten, weil die
Piraterie wieder zu einer
unkalkulierbaren Gefahr für die
internationale Handelschifffahrt
geworden ist. Vor den Küsten und in
den Häfen der Dritten Welt lauern
die modernen Freibeuter, um Schiffe
zu kapern. Sie sind in der
Malakka-Straße zwischen Singapur und
Indonesien genau so zu Hause wie vor
der Südküste Chinas, in den
indischen Häfen und in Afrika und
Südamerika. Und es scheint kaum
Mittel zu geben, um ihr schädliches
Treiben nachhaltig zu stören oder
gar zu beenden. Die
Schifffahrtsversicherer von Lloyds
haben inzwischen die gefährlichsten
Gebiete als Hochrisikozonen
definiert und fordern zusätzliche
Risikoprämien, um die hier
verkehrenden Schiffe überhaupt noch
versichern zu können.
Piraterie vor der Küste Somalias
Während die Anzahl der Überfälle auf
Schiffe in der Malakkastraße wegen
der Sicherheitsmaßnahmen der
Anrainerstaaten Indonesien,
Malaysia, Thailand und Singapur
zurückgeht, bereiten nun Piraten aus
Somalia den Schiffen aus der ganzen
Welt Probleme.
Seit 1991 hat das Land im Osten
Afrikas keine funktionierende
Regierung mehr, es herrscht
Bürgerkrieg. Häufig beherrschen
einzelne „Clans“ eine Region, jeder
von ihnen verlangt die
Unabhängigkeit für sein Gebiet. In
Somalia hat ein großer Teil der
Bevölkerung keine Schulbildung,
viele Leute leben nur von der
Fischerei. Da es aber keine
Kontrollen über die somalischen
Hoheitsgewässer gibt, werden diese
von großen, ausländischen Fangbooten
überfischt. Rache ist einer der
Gründe für die Piraterie. Auch junge
Leute werden zu Piraten, da sie
möglichst schnell viel Geld
verdienen wollen.
Die Piraterie in Somalia hat oft
schon den Charakter einer
organisierten Kriminalität. Auf so
genannten Mutterschiffen werden die
Piraten von reichen Hintermännern
mit Panzerfäusten Gewehren oder
ähnlichen Waffen ausgestattet. Von
diesen Mutterschiffen aus brechen
sie in kleinen Schnellbooten zu
ihren Raubzügen auf. Die Piraten
greifen sogar große Tanker und
Kreuzfahrtschiffe an.
Viele der Schiffe werden überfallen,
um Lösegelder zu erpressen. Im Jahr
2008 wurden an Piraten insgesamt 100
Millionen Dollar als Lösegelder
gezahlt. Ein Fünftel der deutschen
Reedereien hatten Probleme mit
Piraten. Der jährliche Schaden der
weltweit durch Piraterie entsteht,
beträgt insgesamt rund 13 Milliarden
Euro. Das liegt unter anderem daran,
dass die Schiffe lange
Ausweichrouten benutzen müssen, um
nicht auf Piraten zu stoßen.
Außerdem nehmen die Reedereien hohe
Kosten auf sich, um Versicherungen
und Lösegelder zu finanzieren. Ein
weiteres Problem der Piraterie
besteht darin, dass durch
Piratenangriffe die Lieferung von
Hilfsgütern nach Somalia
beeinträchtigt wird. Allerdings
ziehen sich seit den vielen
Überfällen die ausländischen Fischer
aus den somalischen Gewässern zurück
und die einheimischen Fischer
meldeten vergangenes Jahr erstmals
wieder einen Anstieg der Fischfänge.
Eines der bekanntesten vor Somalia
gekaperten deutschen Schiffe war die
„Hansa Stavanger“ Der Frachter aus
Hamburg wurde am Morgen des 4. April
2009 von Piraten überfallen und die
24-köpfige Besatzung wurde als
Geisel genommen. Mehrere
Rettungsversuche schlugen fehl, der
Reeder Frank Leonhardt verhandelte
lange mit den Kidnappern und brach
die Verhandlungen zwischenzeitlich
sogar ab. Währenddessen litten die
Entführten unter Krankheiten,
Wassermangel und
Scheinhinrichtungen. Eine erste
Lösegeldübergabe scheiterte wegen
Unstimmigkeiten unter den Piraten.
Erst Anfang August 2009 wurde die
Besatzung mit Hilfe eines Lösegeldes
von 2,75 Millionen Euro
freigelassen.
Um Schiffe vor solchen
Piratenüberfällen im Golf von Aden
Schutz zu bieten, startete die EU im
Dezember 2008 die Mission „Atalanta“,
an der unter anderem die deutschen
Fregatten „Bremen“ und „Karlsruhe“
teilnehmen. Auch die Nationen
Belgien, Frankreich, Griechenland,
die Niederlande, Spanien und
Schweden beteiligen sich mit
Fregatten und Seeaufklärern an der
Mission. Das Ziel der Mission ist
vor allem Schiffe mit Hilfsgütern zu
begleiten und zu schützen. Aber auch
Handelsschiffe können bei einem
Piratenüberfall die Hilfe der
Fregatten anfordern.
Als Einzelsicherung werden einige
Schiffe zusätzlich mit
Stacheldrahtzäunen abgesichert, um
die Piraten daran zu hindern, an der
Bordwand hoch zu klettern und so an
Deck zu gelangen.
Aber der allgemeine Eindruck ist
der, dass alle
Sicherheitsvorkehrungen und
Unterstützungs-maßnahmen die Piraten
nicht stoppen werden, solange die
Bevölkerung Somalias in einer
völligen Anarchie lebt und die
Seeräuberei die Aussicht auf
schnelle und hohe Gewinne bietet.
Doch vielen ist bereits klar, dass
alle Sicherheitsvorkehrungen und
Hilfsmaßnahmen die Piraten nicht
stoppen werden, solange die Piraten
keine Angst vor rechtlicher
Verfolgung haben müssen. Die
Regierung in Somalia ist schwach und
die Behörden korrupt. Allerdings
werden die Prozesse seit einiger
Zeit nach Kenia verlagert. Die EU
schloss dafür ein Abkommen mit der
Regierung in Nairobi ab. Anwälte aus
Europa übernehmen die Verteidigung
für die Piraten kostenlos. Sie
achten auch darauf, dass die
Menschenrechte eingehalten werden
und der Prozess gerecht abläuft.
Das International Maritime Bureau
(IMB = International Maritime
Bureau) in London zählte Somalia
und den Golf von Aden 2009 zu den am
stärksten von Piraten befallenen
Regionen auf der Welt.
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Piratenangriffe 2009,vor
der Küste Somalias und
im Golf von Aden |
Das Piracy Reporting Centre - ein
Teil des IMB - hat für Seefahrer
einen „Piracy Alert“ und einen „Live
Piracy Report“ eingerichtet. Dort
werden aktuelle Überfälle,
verdächtige Mutterschiffe, sowie die
besonders gefährlichen Gebiete
angezeigt.
So ( hofft man) können die Schiffe
sich frühzeitig informieren und
somit das Risiko eines
Piratenangriffes verringern.
Dr. Klaus G. Röhl |